Waldhilsbacher Dialog: Was verbindet die Gesellschaft

Auf der Suche nach dem Zusammenhalt in der Gesellschaft
Evangelische Kirche lud ein zur Podiumsdiskussion
Auf großes Interesse stieß auch der zweite „Waldhilsbacher Dialog“, zu dem die evangelische Kirchengemeinde Waldhilsbach in den renovierten Raum unter der Christuskirche eingeladen hatte. Diesmal lautete das Thema des Podiumsgesprächs „Was verbindet die Gesellschaft?“, ein Thema das derzeit mehr und mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses rückt. Dies vor allem in Anbetracht der sich mehrenden Anzeichen dafür, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet. Wie Moderator Professor Dr. Dieter Hermann in seinen einleitenden Worten ausführte, zeige sich dies nicht nur auf politischer Ebene, wie beispielsweise durch das Erstarken extremer Positionen, auf kirchlicher Ebene durch vermehrte Kirchenaustritte und gesamtgesellschaftlich bis hin zur Dorfgemeinschaft und Familie. So lautete dann auch die zentrale Frage des Themenabends: „Wie kann der gesellschaftliche Zusammenhalt gefördert werden?“
 
 
Dazu waren zum Vortrag als Podiumsteilnehmer eingeladen die ehemalige Europa-Abgeordnete Diemut Theato, der ehemalige Schulleiter des Max-Born-Gymnasiums und ehemalige Ortsvorsteher Horst Linier sowie Pfarrerin Franziska Gnändinger, die aus ihren unterschiedlichen Perspektiven die Problematik beleuchten sollten.
Diemut Theato zeichnete den Weg Europas von jahrhundertelangen Zerwürfnissen, Konflikten und Kriegen hin zu einer vertraglich fundierten werteorientierten Gemeinschaft, bei der die Menschen immer im Vordergrund stehen. Dabei skizzierte sie den gemeinsamen Weg von den Gründervätern der Montanunion über den gemeinsamen Markt, der ersten Direktwahl des europäischen Parlamentes 1979 bis hin zur Währungsunion 2002 und dem Versuch, eine gemeinsame Verfassung zu schaffen. Letztere wurde als „Grundrechtecharta“ bezeichnet, in der die Würde des Menschen, das Recht auf Freiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Solidarität, vor allem in der Arbeitswelt, sowie die Bürgerrechte fixiert sind. Bereits in der Präambel dieser „Verfassung“ findet sich der klare Bezug zur christlichen Kirche als Bindeglied eines gleichen Wertekanons. „Wenn wir die Einheit Europas behalten wollen, müssen wir diesen Wertekanon verinnerlichen“, so das Fazit ihres Vortrages.
Horst Linier stellte in seinem Vortrag fest, dass weltweit das Phänomen der Spaltung von Gesellschaften beobachtet werden könne. Dies belegte er unter anderem mit den Wahlergebnissen in Israel, den bevorstehenden „Midterm elections“ in den USA, und dem Rechtsruck in Italien.
Wenngleich wir in Deutschland relativ gut dastehen: Auch in unserem Land ist die genannte Tendenz erkennbar“, so Horst Linier, der als ehemaliger Geschichtslehrer auf die Erfahrungen mit Hass, Intoleranz und Rassismus in früherer Zeit hinwies, die nicht nur im gesamten Land, sondern sogar in seinem Heimatdorf festzustellen waren. In der Zwischenkriegszeit war auch das politische und gesellschaftliche Klima in Waldhilsbach vergiftet. Die Gesprächskultur war damals unterentwickelt. Auseinandersetzungen wurden stattdessen oft handgreiflich ausgetragen.
Auch aufgrund der soziokulturellen Entwicklung des Dorfes in der Nachkriegszeit habe sich die Interaktion und die Kommunikation der Menschen im Dorf wesentlich gebessert. Das liege auch am Wirtschaftsaufschwung und der schulischen Bildung. Gerade die Schulen – so er ehemalige Schulleiter - müssten einen wesentlichen Beitrag für Toleranz, Respekt, Fairness und Achtung des Anderen leisten. Schüler müssten den Wert des Kompromisses erfahren und lernen, was Pluralität letztlich bedeute.
Er hob unter anderem die Bedeutung von Kindergärten, Schulen und Gaststätten als Begegnungsstätten sowie auch die der örtlichen Vereine hervor. Bei letzterem wünschte er sich mehr Teilnahme und Engagement aus der Bevölkerung.
Dem pflichtete Pfarrerin Franziska Gnändinger bei. Obwohl sie viele Potentiale im Ort sehe, erkenne auch sie ein rückläufiges Engagement sowohl in der Kirche als auch im gesellschaftlichen Bereich. Dabei sei es Aufgabe der Kirche, für Zusammenhalt und demokratisches Bewusstsein zu sorgen. Sie belegte dies mit verschiedenen Stellen der Bibel. Am Leben und Wirken des Königs Saul zeige sich die Gleichheit aller vor Gott und die Pflicht zum Aufgeben eigener Machtansprüche. In der Bibel sei kein Platz für Autokraten. Der Zusammenhalt und die Unterwerfung unter Gott und unter gemeinsame Werte sei auch Gegenstand der biblischen Erzählung um Moses, dessen Unterwerfung unter die Zehn Gebote, den Weg aus der Gefangenschaft ermöglichten und schließlich für alle Christen zum Leitfaden wurden. „Durch die christliche Taufe sind prägende Unterschiede auf Status, Macht und Kultur aufgehoben,“ was letztlich die Gleichheit der Menschen betone.
Als zentrale Botschaft nannte sie das Wort Jesu, der die Menschen dazu aufforderte, so zu handeln, wie sie selbst behandelt werden wollen. Das sehe sie als Aufforderung, selbst aktiv in unserer Gesellschaft, europaweit und weltweit zu werden.
Dabei sei jeder Mensch, wie Paulus im ersten Brief an die Korinther schreibt, in seiner Art wichtig für die Gesellschaft. Es gelte sich einzubringen, Visionen zu haben, sich gegenseitig zu unterstützen und zu respektieren. Das unterstütze auch die Aussage von Dietrich Bonhoeffer, der dazu aufforderte, „zu beten und Gutes zu tun“.
In der anschließenden Diskussion im Plenum des voll besetzten Kirchenraumes entwickelte sich ein reger Austausch rund um das Thema. Hierbei ging es immer wieder um die Gefährdungen unserer Gesellschaft, vor allem auch durch neue digitale Medien, durch die zu starke Orientierung am Materiellen sowie den Wert der Bildung weltweit.
Einig waren sich alle Besucher, dass man diese Veranstaltungsreihe unbedingt fortsetzen müssen, um mit den Menschen aus der Dorf- und Kirchengemeinde im Gespräch über anspruchsvolle Themen zu bleiben.
LiLi